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Hassan Haddad kommt aus dem Irak, lebt seit 1998 in Deutschland, Leipzig, hat also vor 2003 sein Land verlassen.
Geboren ist er in ländlicher Gegend, aufgewachsen in bäuerlichen Verhältnissen, fern städtisch zivilisatorischer Konsumsegnungen, mit vielen Geschwistern, alle einem Vater verbunden, der nicht nur mit einer Frau lebt. Dieser so geprägte junge Mann findet nach Bagdad, in eine moderne Großstadt, an der dortigen Kunstakademie Grafikdesign zu studieren. Ausgebildet wird er in der Folge europäischer sowie amerikanischer Kunsttradition. Ich weiß nicht, was ich anderes erwartet hatte, Bagdad war längst nicht mehr der sagenumwobene Orient. Schon die durch die Amerikaner gestürzte Statue Saddam Husseins hatte nichts Orientalisches, hatte ihre Ursprünge eher in einer unsäglichen europäischen Tradition; Leninstatuen und anderen Herrschaftsbildwerken. Babylon war längst versunken wie das noch ältere Uruk mit seinem Herrscher, von dem die Gilgameschtontafeln erzählen.
Der junge Mann, inzwischen Künstler, wird Soldat im Irak-Iran-Krieg.
Derweil wollte Saddam durch Überbauung der alten Grundmauern Babylons, der antiken Stätte seine Herrschaft einschreiben. Jetzt herrscht dort militante Regsamkeit US-Amerikanischer Militärfahrzeuge, die die freigelegten antiken Straßen zerfahren, für Archäologen gesperrtes Gelände... Das Ischtator mit seinen Drachen und Fabelwesen auf den wunderbaren blauen Kacheln inzwischen ein Ort im Vorderasiatischen Museum in Berlin. Geschichte und Herkunft, Querungen, Vermischungen, Globalisierung, Kämpfe um Vorherrschaften. Die Geschichte der Menschheit ist noch immer eine von Kriegen und gewalttätigen Auseinandersetzungen. Ich lasse moralische Wertungen, wollte nur wenige Fakten aufrufen, ehe ich mich den Malereien Hassan Haddads nähere, Fakten, die mit dem Werk des Künstlers gewiss mehr zu tun haben als das Etikett Leipziger Schule, das ihm zu schnell aufgeklebt wird.
Auf den ersten Blick ein Werk, das sich mit Dingen des Alltags auseinandersetzt, mit Männern und Frauen, Jugendlichen, Wartenden in Räumen und an Orten die uns vertraut sind, die wir zu kennen meinen. Der Künstler sieht auf diese alltäglichen Begebenheiten mit einer Optik, die an Film und Fotografie erinnert; Ausschnitte, angehaltene Bewegungen, serielle Folgen. Da wird gezoomt, Abstand und Nähe zu tauschen und Bildteile werden montageähnlich aneinandergefügt.
Doch das allein macht noch nicht die Eigenart dieses Künstlers aus, es sind erst einmal Hilfsmittel, geschickt verwendete, Wirklichkeit in den Blick zu nehmen. Hinzu kommt die besondere Art der Umsetzung, auf welche Weise sich das Gesehene auf der Fläche manifestiert, sich dort verwandelt. Hassan Haddad malt mit Öl, seine Farbpalette ist zurückhaltend, die Farbe wird dünn aufgetragen, ist in ihrer Wirkung eher glanzlos spröd. Man meint dem Pinsel folgen zu können, spürt Vorsicht, sieht das stehengebliebene Weiß der Grundierungen, das bildbestimmend sein kann. Vorherrschend sind Grün- und Grautöne, Ocker und Blau, immer mal aufkeimendes Rot. Alles scheint mit allem verwoben, die Konturen der Körper und Gegenstände bleiben im Ungefähren. Und Licht kann in diese Bilder einbrechen wie schmerzhafte Helle, Hoffnung verheißend oder wie kalte Leere. Oft bleibt es in tonlosem Dämmern versteckt.
Mit dieser Art zu malen inszeniert der Künstler das sich auf den ersten Blick so greifbar zeigende Alltägliche als eigentlich Unfassbares, das jeden Moment vergehen kann. Das irritiert, lässt genauer hinsehen und die hinter dem Alltäglichen versteckten Hintergründe zeigen sich. Grenzbereiche zwischen Schlaf und Wachsein tun sich auf, Tagtraum wie Alptraum gleichermaßen. Es geht um Existenz, um Suche nach Sinn.
Ins Nichts führende Treppen, merkwürdig verschobene Räume und Gänge, verlassene Orte, Ausblicke auf Landschaften und darin verharrende Figuren, als wäre ihnen jede Möglichkeit sich zu bewegen abhanden gekommen. Unschärfen, verwischte Gesichter, verlorene Horizonte, Spiegelungen.
„Fahrt, wohin“, ein Jugendlicher ist kraftlos in sich zusammengesunken, eingeklemmt in einen Sitzraum der Straßenbahn. Stillstand, Verdämmern. Auf anderen Bildern sitzen oder stehen die Alten wie aufgereiht nebeneinander, scheinbar angekommen und ortlos zugleich. Der Stürzende wird zu einer „Ruhestörung“, sein Kopfsprung ins Wasser vergeblich. Optisch zwischen Ruder und Boot verfangen, gibt es ihn bereits nicht mehr, er scheint vor dem Aufprall schon körperlos geworden. Das Bild „Geisterfahrer“, wer ist da Körper, wer Schatten. Merkwürdige Verkehrung, der wirklich Fahrrad-Fahrende löst sich auf, während sein intakter Schatten mit einem Huhn zu kommunizieren scheint. Nur surreale Spielerei? Oder doch; „Real ist alles, nur die Welt ist´s nicht“.
„Aus dem Nichts“, schmales Längsformat. Links fährt ein Lastwagen aus dem Bild, was übrig bleibt ist eine sich im Chaos verlierende Landschaft. Was bei den meisten Bildern als Hintergrundschwingung latent ist, hier wird es direkt zu formulieren versucht - Gewalt des Krieges. Doch wie kann man malen, was täglich ungerührt über alle Bildschirme läuft, abgenutzt, kaum mehr wahrgenommen. Geht das überhaupt, oder sind das die Grenzen der Malerei? Grenzen gibt es da, denke ich nicht, nur immer wieder neue Versuche sich mitzuteilen, Erfahrungen zu teilen. „Idylle passé“ ist 2007, also fünf Jahre nach der Malerei „Aus dem Nichts“, entstanden. Der zeitliche Abstand erlaubt eine andere Art der Mit-Teilung, einen anderen künstlerischen Umgang mit dem Thema. Da steht eine Frau, Rückenfigur, vor einem dunklen Loch, sieht in einen Abgrund. Rechts eine Art Treppe, absurde Himmelsleiter, ungangbar. Links ein Baum. Alles verwoben in einer Malweise, in der sich die Dinge nicht mehr voneinander trennen lassen, Ursache und Wirkung verschwimmen, melancholisches Verlorensein. Hier wird vom Künstler alles aufgerufen und zugleich alles verborgen. Man muss hinsehen, immer wieder neu.
Ja, Hassan Haddad versucht in Leipzig Wurzeln zu schlagen, greift nach seinem jetzigen Alltag wie nach einem Rettungsanker, daraus seine Bildwelten zu schöpfen. Seine Erfahrungen, existentiellen Prägungen bleiben fühlbar. Und so wird bei ihm der künstlerische Akt zu einer Art kathartischer Selbstvergewisserung. Malen ist Leben, ist am Leben sein, ist Privileg und Widerstand in einem. Das teilt sich mit, macht die Malereien aus, erklärt ihre stille zähe Kraft.
In seinen Zeichnungen herrscht eher lockere Leichtigkeit. Da springen Figurinen und Seiltänzer umher, akrobatische Blätter, auch in formaler Hinsicht. Sicher in schwarz-weiß getuscht und gezeichnet, seltener aquarelliert. Hier wird gesammelt, spontan geatmet, aufgetankt.
Dr. Ina Gille
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