Malerei

 Hassan Haddad

 

 

 

 

 

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So nah und doch so fern

Der Künstler Hassan Haddad über die Kriege in seinem Heimatland und sonstwo auf der Welt


Irak ist das Land, das die Griechen der Antike als Mesopotamien bezeichneten, das Land zwischen den Strömen (meso potamoi), zwischen Euphrat und Tigris. Sie wussten damals bereits schon vieles von den kulturellen Leistungen und wissenschaftlich-technischen Entdeckungen der dort vor tausenden von Jahren entstandenen  Zivilisationen der Sumerer, Babylonier, Assyrier u.a.. Sie wurden von deren Erfahrungen und dem überliefertem Wissen prägend beeinflusst, profitierten von ihnen in materieller und kultureller Hinsicht, so dass man sagen kann: die Wurzeln unseres europäischen Weltbildes und Wohlstandes liegen auch dort, im Vorderen Orient.
Das fruchtbare Land war in späteren Zeiten aber auch immer umgeben von mächtigen, gierigen Nachbarn und dementsprechend Spielball von deren Interessen. Und seit den Erdölfunden zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchsen weltweit die imperialen Begehrlichkeiten noch viel mehr. Bis  in die jüngste Vergangenheit und Gegenwart wurden das irakische Volk geschunden bis aufs Blut und  hatte zu leiden unter den Auswirkungen kolonialpolitischer Entscheidungen, unter inneren Streitigkeiten, Putschen, Diktaturen, Kriegen.
Hassan Haddad wurde zu Beginn der 60er Jahre unweit von Bagdad geboren. Er erlebte unmittelbar die Ära Saddam Hussein, den 1.Golfkrieg und den 2.Golfkrieg sowie das anschließende zermürbende, für die Bevölkerung leidvolle und entbehrungsreiche Embargo. Er studierte in Bagdad Graphikdesign und Kunst und las Dostojewski. In dieser Zeit, als junger Mann, entdeckte und erlebte er die Zerrissenheit der menschlichen Seele im Konflikt mit den tradierten Moralvorstellungen und dem Glauben - einerseits das Streben nach Ruhe, Vollkommenheit und Harmonie, andererseits die unbändige Lust nach Unabhängigkeit, innerer Freiheit, nach Anarchie und Macht. Sein intellektuelles Interesse an der Dramatik des Menschseins in all seinen Facetten und eine unaufdringliche, gute Beobachtungsgabe schließen bei Hassan Haddad direkten politischen Aktivismus und praktisches Engagement aus. Er wurde Künstler. Er fand seine Sprache, sich auszudrücken, seine Ideen und Ansichten mitzuteilen, zurückhaltend Position zu beziehen,  Was er bis jetzt nicht kann und will, ist, konkrete Botschaften zu vermitteln, Kunst plakativ als Waffe  zu verstehen, auch nicht für ein guten Zweck.  Denn er ist kein Kämpfer, und die Dinge sind für ihn komplizierter und verwickelter als es in einer Schwarz-Weiß-Draufsicht erscheint. Ein guter Künstler stellt Fragen, Antworten kann er nicht geben. Seine Bilder zeugen davon.
Ende der 90er Jahre flieht er aus seinem Heimatland, aus der Enge, ständigen Bedrohung und dem Willkürsystem Saddams. Der Zufall verschlägt ihn nach Leipzig, Deutschland, wo er seitdem lebt und arbeitet. No difference entstand  im Jahr 2000 und widerspiegelt in der bildlichen Situation des „Innen“ und „Außen“ den Seelenzustand eines Flüchtlings, der  nach dem leidvoll-vergifteten Dasein in der Heimat, nun außerhalb dieser Mauern, in der unwirtlichen, kühlen Fremde mehr denn je auf menschliche Wärme angewiesen ist. Und erstmal, scheint es, gibt es keinen Unterschied. Die Treppe ist der Schlüssel. Eine Treppe, die nach oben führt, deutet symbolisch hoffnungsvoll einen möglichen Ausweg an, sie taucht bei Hassan Haddad auch künftig immer einmal wieder auf.
Ansonsten bleiben seine Bilder melancholisch bis tieftraurig überschattet, die erdigen Töne, Tertiärfarben dominieren zum großen Teil, Braun- und Blaunuancen, Ocker. Die Menschen erscheinen oftmals nur wie Röntgenbilder oder geisterhafte Erscheinungen, verhüllt,  zusammengedrängt, geduckt, verängstigt. Die Erinnerungen sind wach, verfolgen Haddad, z.B. das Sirenengeheul bei Luftangriffen, die Mutter, die ihr Kind schützend im Arm hält, verbrannte Erde, zerstörte  Häuser... Der Künstler thematisiert diese Erinnerungen. Die künstlerische Verarbeitung und Umsetzung ist eine große Herausforderung, obwohl ihm wohl klar ist, dass er in Deutschland mit diesen Gemälden kaum auf Verständnis und Interesse oder sogar Anerkennung stoßen wird. Der Irak und Saddam Hussein, Krieg und Embargo... die Welt ist voll des Grauens, aber glücklicherweise ist für die Menschen hier alles so weit weg, und die Informationen sind spärlich.
Das ändert sich im Jahr 2003 mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in den Irak. Und wieder ist Krieg. Diesmal stehen die dramatischen Ereignisse über lange Zeit im Focus der internationalen Öffentlichkeit. Und Hassan Haddad ist nun Beobachter aus sicherer Entfernung wie alle anderen Deutschen auch. Aus dieser Distanz allerdings nehmen die Sorgen über die Lage im Land, die Ungewissheit über das Schicksal vor allem der nahe stehenden Menschen in der Heimat Phantom- und Albtraumcharakter an. Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut würden möglicherweise ins Leere oder gegen die Wand  laufen, wenn der Künstler nicht seine Ausdrucksmittel nutzen und beherrschen würde.
Die Medien sind nun einzige Informationsquelle, zumindest solange sämtliche Kontakte in den Irak abgerissen sind, wohlwissend, dass man deren Manipulationsambitionen und -bestrebungen äußerst kritisch gegenüberstehen muss. Auch er muss nun zurückgreifen auf die Bilder, die die modernen Medien des Digitalzeitalters ihm mittels Print, Fernsehen, Internet vorsetzen. Kann man immer glauben, was man da sieht? Welchen Teil  des Geschehens repräsentieren sie, welche Halbwahr- heiten oder gar Unwahrheiten suggerieren sie? Im Triptychon „D-Day“ versucht Haddad analytisch zusammenzufügen, was zusammengehört: im Zentrum des Gemäldes die Schreibtischtäter am runden Tisch im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen, die „Guten“, die im Vorfeld nichts gegen das Kriegstreiben und Weltherrschaftsstreben eines einzigen ihrer Mitglieder unternommen haben. Über ihren Köpfen, oder in ihnen?, wird bereits das Schlachten geplant. Im rechten Bildteil rollen die Panzer aus dem Dunkeln an, die Täter verrichten ihr Handwerk und hinterlassen Zerstörung. Allerdings ist im linken Teil des Triptychons auch zu erkennen, mit welch apathischer Duldsamkeit die Menschen dieser Zerstörung zusehen oder wie stupide sie ihren Alltagsverrichtungen nachgehen. Das Volk hat noch nicht begriffen und gelernt, mit Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung das eigene Leben in die Hände zu nehmen.
Mit dem Blick von „außen“ bekommen bei Hassan Haddad auch die Täter eine Gestalt. Während unter Saddams Diktatur der Feind unsichtbar, aber allgegenwärtig blieb, ist er jetzt in erster Linie eine fremde Macht, die von außen eindringt, sich einmischt und Unheil stiftet mit eigennützigen Interessen. Die Täterfiguren sind symbolkräftig dargestellt in entsprechenden Posen und mit typischen militärischen „Acessoires“, oftmals in Tiergestalt, besonders als bedrohliche, unheimliche Fabelwesen wie in „Verwüstet“. Die Opfer sind wieder und wieder die zivilen „Kollateralschäden“.
In „Pilatus Unschuld“ züngelt  ein Ungeheuer, halb verborgen im Dunkel, genüsslich gierig den geschändeten Körper eines Menschen, an dem sich noch die Folterknechte mit ihren Werkzeugen zu schaffen machen. Währenddessen im lichten Hintergund hochaufragend eine Figur im griechisch-römischen Gewand Wasser über die Hände laufen lässt – es ist Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht. Welch Ironie ist die Wahl dieser Figur aus der biblischen Geschichte, aber es ist wohl eine ernste Anspielung auf die scheinheilige Rolle Europas oder auch speziell Deutschlands angesichts der vielen Krisenherde, der Ungerechtigkeiten und Verbrechen in dieser Welt.
Hassan Haddads Malstil hat im Laufe der Jahre in Deutschland Veränderungen durchlaufen. Prinzipiell hat er die figurative, themenzugewandte Malerei für sich weiterentwickelt und perfektioniert. In den Gemälden zum Thema Krieg, Zerstörung, Gewalt hält er den Focus auf jeweils bestimmte, fein ausgeführte Details, die dem Betrachter ins Auge springen, ihn verstören, schockieren, interessieren, während der Raum oftmals Atmosphäre durch raffinierte Strukturierung, Licht- und Schatteneffekte,  eine stimmige Farbgebung, die längst nicht mehr so monochrom ist, erhält. Wie schön mutet auf den ersten flüchtigen Blick der Vogel an, der sich als „Aasgeier“ entpuppt, denn schnell  bleibt der Blick erschrocken hängen am grauen, metallisch glänzenden Leichengesicht einer am Boden liegenden Gestalt. Und auch das wunderbare Gefieder des Vogels entpuppt sich als Trugschluss, denn es zeichnen sich beim genauen Hinsehen Bombendrohnen ab, die offensichtlich das Unheil verursacht haben.
In „Curriculum vitae“geht ein kleines Wunder vor sich. Und wer symbolisiert wohl am ehesten ein Wunder als die Kinder, die geboren werden, ob in Friedenszeiten oder Kriegszeiten, sie verkörpern immer wieder aufs Neue die Unschuld und die Hoffnung. Auf dass sie sich aufschwingen zu einem besseren Leben und glücklich sind.


Anja
Haddad

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